Das republikanische Schulsystem steht in Flammen. Ausgehend von der Blockade einer Schule in Créteil am 18. September dieses Jahres hat sich die SchülerInnenbewegung rasch auf das gesamte Land ausgeweitet, vor allem in den ArbeiterInnenvierteln. Ihre Forderungen sind vielfältig: Einstellung von Personal und Lehrkräften angesichts nicht nachgeholter Unterrichtsstunden, Renovierung der veralteten und baufälligen Schulgebäude, fehlendes Material, überfüllte Klassen, Abschaffung von „_Parcoursup_“ – einem extrem elitären System, das darauf abzielt, die Klassenherrschaft zu reproduzieren und die sogenannten „_guten_“ SchülerInnen von den „_schlechten_“ zu trennen, also die jungen Bourgeois, die für die „Grandes Écoles“ bestimmt sind, von den jungen ProletarierInnen, die so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt eintreten sollen, um dort ausgebeutet zu werden.
Es ist kein Zufall, dass diese Bewegung meist von berufsbildenden Schulen in ArbeiterInnenvierteln ausgegangen ist. Diese Jugendlichen, Kinder von ArbeiterInnen und zukünftige ArbeiterInnen, sind die ersten Opfer des republikanischen Schulsystems und seiner trügerischen Leistungsideologie. Sie sind es, die am stärksten unter den Sparmaßnahmen des bürgerlichen Staates zu leiden haben und die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen werden. Sie sind es auch, die in Einrichtungen „_lernen_“, die mit Personal- oder Materialmangel zu kämpfen haben, in denen die Gebäude am stärksten verfallen sind und in denen es keinerlei Möglichkeit des sozialen Aufstiegs gibt – in einem klassenorientierten Bildungssystem, das Ungleichheiten von Geburt an massenhaft reproduziert. Mittlerweile breitet sich diese Bewegung sogar im französischsprachigen Teil Belgiens aus.
Unsere politischen VorläuferInnen haben stets den Klassencharakter der Schule betont. Es handelt sich nicht um eine neutrale Institution, die jenseits sozialer Gruppen existieren: Ihr Klassencharakter hängt von dem des Staates ab. Wie bereits der deutsche Sozialist Wilhelm Liebknecht zu seiner Zeit erklärte:
"_Die Schule ist das mächtigste Mittel der Befreiung, und die Schule ist das mächtigste Mittel der Knechtung – je nach der Natur und dem Zweck des Staats. Im freien Staat ein Mittel der Befreiung, ist die Schule im unfreien Staat ein Mittel der Knechtung. `Bildung macht frei´ – von dem unfreien Staat verlangen, dass er das Volk bilde, heißt ihm einen Selbstmord zumuten. Der moderne Klassenstaat bedingt aber seinem Wesen nach die Unfreiheit. (…)Er kann freie Männer nicht brauchen, nur gehorsame Untertanen; nicht Charakter, nur Bedienten- und Sklavenseelen. Da ein `intelligenter´ Bedienter und Sklave brauchbarer ist als ein unintelligenter – schon die Römer legten auf Sklaven, die etwas gelernt hatten, einen besonderen Wert und zahlten entsprechende Preise für sie –, sorgt der moderne Staat für eine gewisse Intelligenz, nämlich für Bedienten-Intelligenz, die das menschliche Werkzeug verfeinert und vervollkommnet, so dass sich besser mit ihm `arbeiten´ lässt. So wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt. Statt Menschen zu erziehen, erzieht sie Rekruten, die aufs Kommando in die Kaserne, diese vornehmste Menschen-Maschinenfabrik, eilen; Steuerzahler, die sich nicht mucksen, wird ihnen das Fell über die Ohren gezogen; Lohnsklaven des Kapitals, die es in der Ordnung finden, dass ihnen das Mark aus den Knochen gesogen wird_.(1)"
In der kapitalistischen Gesellschaft kann die Schule die jungen ProletarierInnen in keiner Weise emanzipieren. Im Gegenteil, sie ist ein mächtiges Mittel der Segregation, das darauf abzielt, sie zu zermürben, zu indoktrinieren, auszusortieren und ihnen weiszumachen, dass sie die gleichen Chancen wie andere junge Menschen haben und dass sie durch Anstrengung eine bessere Situation erreichen können als ihre Eltern und Großeltern. Was diese Bewegung zum Ausdruck bringt, ist, dass viele junge Menschen nicht mehr an das Märchen der Chancengleichheit glauben. Sich gegen die Schulen zu wenden, bedeutet für sie, ihre berechtigte Abneigung gegen diese verhassten Institutionen zum Ausdruck zu bringen.
Man sollte sich nicht täuschen lassen: Es handelt sich hier nicht einfach nur um Forderungen nach einer besseren Finanzierung der Schulen in Frankreich, sondern auch um eine Revolte gegen ein System als Ganzes, das ihnen keine Zukunft mehr verspricht, außer in Elend zu studieren und zu arbeiten und dann in den Krieg zu ziehen. Es geht schlicht um die Würde, die Weigerung, dieses Leben in der Misere widerstandslos hinzunehmen.
Angesichts dieser spontanen Bewegung hatte die Bourgeoisie nur eine einzige Antwort: Sie schickte ihre Polizei (_CRS_ und _BRAV-M_, die für ihre extreme Gewalt bekannt sind), um die jungen SchülerInnen aus der ArbeiterInnenklasse zu unterdrücken und ihre Forderungen im Keim zu ersticken. Die Bilanz ist bereits schwerwiegend: mehr als 5.000 Festnahmen in nur wenigen Tagen und zahlreiche junge Menschen, die ein Auge verloren haben. Innenminister Laurent Nuñez erklärte daher am 2. Oktober, dass „_es keinerlei Anweisung zur Zurückhaltung gibt und auch keine Anweisung, nicht die gesamte den inneren Sicherheitskräften zur Verfügung stehende Bewaffnung_“ gegen die SchülerInnen einzusetzen.(2) Die Botschaft ist klar.
Diese Jugendlichen wehren sich auf ihre Weise, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, und das können wir nur begrüßen. Der Angriff auf den Staat, seine Symbole und seine Repressionskräfte zeugt vom Bewusstsein für den Antagonismus, der zwischen ihnen und diesen Institutionen besteht, die ihnen fremd sind und die ihnen unwiderruflich feindlich gegenüber stehen.
Doch dieses Bewusstsein ist noch zu bruchstückhaft und unklar, wie die Präsenz allzu vieler französischer Flaggen und „_linker_“ Parolen bei den Blockaden, die Forderungen nach einer „_echten Volksschule_“ oder das Singen der Marseillaise zeigen. Dies lässt sich auch an der Führung dieser Bewegung erkennen. Es gibt zahlreiche falsche Freunde der ArbeiterInnenklasse, auch in deren Jugend. An erster Stelle steht „_La France Insoumise_“ mit ihrem Kandidaten Jean-Luc Mélenchon. Nachdem sie versucht hatten, aus der Bewegung Kapital zu schlagen, indem sie sich an die Blockadeposten begaben, um sich im Hinblick auf die nächsten Wahlen im Jahr 2027(3) massiven Beifall zu sichern, rufen diese „_Humanisten_“ nun zur „_Gewaltlosigkeit_“ auf und dazu nicht auf die „_Provokationen_“ der Polizei zu reagieren. Wir sollen also auch noch die andere Wange hinhalten! Der Generalsekretär der französischen „_Kommunistischen_“ Partei ruft seinerseits dazu auf, die Randalierer und die jungen „_Straftäter_“ zu „verurteilen“.
Doch die „_reformistische_“ Linke ist nicht die einzige Falle. Auch die Gewerkschaften versuchen, die Bewegung unter ihre Kontrolle zu bekommen. Am 2. Oktober begaben sich gewerkschaftlich organisierte Schüler zum Bildungsministerium, um über die Beendigung der Mobilisierung zu verhandeln, sollten bestimmte Forderungen erfüllt werden. Die Regierung ging jedoch nicht darauf ein. Was die Gewerkschaftsverbände betrifft, so rufen sie zu einer Mobilisierung gegen den Haushalt auf – allerdings erst in einem Monat! Der Kampf gehört nicht ihnen, sondern den jungen Proletarierinnen und Proletariern, die sich in unabhängigen Vollversammlungen organisieren müssen, um die Mobilisierung auszuweiten.
Die extreme Linke des Kapitals ihrerseits sieht in dieser Mobilisierung einen angeblichen „_revolutionären Aufschwung_“. „_Révolution Permanente_“ erklärt uns auf ihrer gewerkschaftlichen Plattform „_Le Poing Levé_“, dass der Kampf der Schulen in Wirklichkeit ein Kampf des „_Aufruhrs_“ gegen die „_Ordnung_“(4) sei. Der jahrtausendealte Kampf zwischen den Klassen mit gegensätzlichen Interessen ist in dieser Logik vorbei: Die Geschichte der Klassengesellschaften sei in Wirklichkeit durch den Generationskonflikt zwischen der antiautoritären Jugend und der Autorität bestimmt. Dieser Salon-Anarchismus – der in jeder angeblich „_revolutionären_“ Mobilisierung(5) die Gelegenheit für billige politische Vereinnahmung sieht, was letztendlich dazu führt, dass diese Mobilisierungen in eine Sackgasse geraten – zeigt die reale Gefahr, die diese Gruppen für die Bewusstseinsbildung der ArbeiterInnenklasse, einschließlich ihrer Jugend, darstellen. Meilenweit entfernt von der unabhängigen und autonomen Organisation des Proletariats sperrt „_Révolution permanente_“ den Kampf in den Interklassismus ein und ruft zu einer Pseudo-Konvergenz der Kämpfe mit Studierenden, Landwirten oder auch den Gelbwesten auf. Wenn man überall die Revolution sieht, selbst dort, wo sie wie heute nur in Reden existiert, wird man sich am Ende wie Ikarus die Flügel verbrennen.
Eine weitere Schwäche dieser Bewegung liegt in ihrem Klassencharakter selbst. Die Jugend stellt keine Klasse an sich dar. Entgegen den Behauptungen „_linker_“ Gruppen (Trotzkisten, Maoisten oder Stalinisten) war und ist sie nicht die Avantgarde der revolutionären Bewegung. Jugendliche können sowohl aus der Bourgeoisie als auch aus dem Proletariat stammen, und je nach der Klasse, der sie angehören, haben sie grundsätzlich nicht dieselben Interessen. Gegenüber jenen, die behaupten, sie sei das neue revolutionäre Subjekt (was mitunter leider auch in der Kommunistischen Linken vertreten wird), bekräftigen wir im Gegenteil, dass die einzige revolutionäre Klasse, die vom Kapital ausgebeutete Klasse, das Proletariat ist.
Nur die ArbeiterInnenklasse kann durch ihren Kampf der Barbarei ein Ende setzen, in die uns der Kapitalismus treibt. Die proletarisierte Jugend vertritt zwar legitime Forderungen, doch sie kann nur erfolgreich sei, wenn sie sich aus dem vorherrschenden Interklassismus, aus der Falle des Demokratismus und des bürgerlichen Denkens befreit und sich mit den anderen Schichten des Proletariats vereint – nicht nur mit dem Bildungspersonal oder den Studierenden, wie es die sog. „_Linken_“ wünschen, sondern mit der gesamten ArbeiterInnenklasse. Die Blockaden von Schulen oder Universitäten darf kein Selbstzweck sein. Nur durch die Verallgemeinerung und Ausweitung des Kampfes unter einheitlichen Parolen – gegen Sparpolitik, Prekarität und die Verschlechterung der Lebens-, Arbeits- und Studienbedingungen – wird es möglich sein, nicht nur die unaufhörlichen Angriffe einer Bourgeoisie in Frage zu stellen, die zum Klassenkrieg entschlossen ist, sondern auch die Grundlagen dieses Systems selbst, das auf der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital beruht.
Dies wird zwangsläufig eine direkte Konfrontation mit dem Staat und seinen Repressionskräften erfordern, da die Bourgeoisie heute keine Reformen mehr so bereitwillig zugesteht wie früher. Gleichzeitig sind auch Konflikte mit ihren Anhängseln, den bürgerlichen „_linken_“ Parteien und den Gewerkschaften vorprogrammiert. Nur durch die autonome und unabhängige Organisation des Proletariats in einer internationalen Klassenpartei wird es möglich sein, eine Brücke zu schlagen zwischen diesen unmittelbaren Forderungen, der Krise des Kapitals und der Notwendigkeit einer revolutionären Antwort auf eine Bourgeoisie, die uns unaufhaltsam in den Krieg treibt.
--_Xav (Groupe Révolutionnaire Internationaliste)_
==Anmerkungen:
(Bildquelle: Forderungen der SchülerInnen vor dem Lycée Arago in Perpignan. fr.wikipedia.org)
(1) Liebknecht, Wilhelm, 1826–1900, „_Wissen ist Macht – Macht ist Wissen, Festrede gehalten zum Stiftungsfestes des Dresdner Arbeiterbildungsvereins am 5. Februar 1872_: https://projekt-gutenberg.org/authors/wilhelm-liebknecht/books/kleine-p… Die Begriffe „_freier Staat_“ und „_unfreier Staat_“ sind ein Erbe des lassalischen Denkens, das Marx 1875 in der „_Kritik des Gothaer Programms_“ zu Recht kritisierte.
(2) https://contre-attaque.net/2026/10/03/aucune-consigne-de-retenue-nunez-…
(3) Eine Taktik, die offenbar aufgegangen ist, wie die große Anzahl an _LFI_-Fahnen und -Aufklebern am Mobilisierungstag am 6. Oktober sowie ganz allgemein der begeisterte Beifall bei jeder Rede ihrer Vertreter gezeigt hat.
(4) https://www.revolutionpermanente.fr/Un-air-de-Grand-Refus
(5) Eine der trotzkistischen Parolen in den 1960er- und 1970er-Jahren in Frankreich lautete „_Alles, was sich bewegt, ist rot_“, wobei der Mai ’68 als Wiederholung von 1905 angesehen wurde. Das Elend des Aktivismus!
