==(Erster Teil: Die wirtschaftlichen Fundamente des modernen Imperialismus)

Der Artikel, den wir hier wiedergeben, entstammt der ersten Broschüren, die überhaupt von der CWO(1) herausgegeben wurde. Er wurde ursprünglich 1975 unter dem Titel The Economic Foundations of Capitalist Decadence von dem kleinen Kollektiv Revolutionary Perspectives, einem Vorläufer der CWO, als eigenständiger Artikel veröffentlicht. Die Schrift war lange vergriffen.(2) Sie bietet eine unkompliziert gehaltene Einführung in die Schlüsselkonzepte der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie und zeigt plastisch auf, dass im jetzigen globalen Kapitalismus die gleichen grundlegenden materiellen Kräfte am Werk sind wie zu Marx' Zeiten.

Es war kein Zufall, dass dieser Text in den 1970er Jahren verfasst wurde, als klar war, dass der Nachkriegsboom zu Ende gegangen war. Dies brachte nicht nur eine neue Generation von RevolutionärInnen hervor, die den Marxismus neu entdeckten und sich schließlich an der Tradition der Kommunistischen Linken orientierte. Vor allem warf es die Frage auf, warum die Periode der Nachkriegszeit mit ihrem Wohlstand von einer inflationären Krise abgelöst wurde. Die Annahme, dass der Keynesianismus das Problem der immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen des Kapitalismus gelöst hätte, erwies sich nun nachweislich als falsch und bestätigte, was Paul Mattick in den 1950er und 1960er Jahren vorausgesagt hatte, nämlich, dass der Zyklus der Kapitalakkumulation in einer weiteren Krise enden würde. Sein Buch „_Marx und Keynes_“ inspirierte uns dazu, Marx' eigene Analyse der dem Kapitalismus zugrundeliegenden wirtschaftlichen Kräfte weiter zu studieren. Nachdem es zunächst den Anschein hatte, dass die ArbeiterInnenklasse durch zunehmendes Konsumverhalten während des Nachkriegsbooms zu einer „_Klasse für das Kapital_“ geworden zu sein schien, fanden sich nun Arbeiterinnen und Arbeiter im Kampf um ihre Existenzgrundlage wieder. Der Klassenkampf war wieder da und mit ihm ein erneutes Interesse am Marxismus. Damit meinen wir freilich nicht den Pseudo-„_Marxismus_“, der Russland als „_deformierten Arbeiterstaat_“ einstuft oder der Verstaatlichung und staatliche Kontrolle der Wirtschaft als Schritte in Richtung Sozialismus ansieht, sondern einen Marxismus, der auf dem unverrückbaren Prinzip beruht, dass das kapitalistische Wachstum auf dem Profit aus der unbezahlten Arbeit der ArbeiterInnenklasse beruht. Von dieser „_Wiederentdeckung_“ des Wertgesetzes führte die Analyse natürlich zu zentralen Elementen der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie: Die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals und dem daraus folgenden tendenziellen Fall der Profitrate. Sie bilden nach wie vor die Grundlage für das Verständnis der ökonomischen Krise, in der sich der globale Kapitalismus heute befindet.

Im Laufe der Jahre wurden wir mehrfach aufgefordert, die gesamte Originalbroschüre nachzudrucken, aber wir sahen uns immer mit zwei Problemen konfrontiert. Das erste war, dass alles, was in den 1970er Jahren geschrieben wurde, nicht erklärt, wie sich die Krise später entwickelt hat, und zweitens hat uns unsere eigene theoretische Weiterentwicklung zu einem besseren Verständnis der Verbindungen zwischen diesem ersten Teil und der späteren Entwicklung des Kapitalismus in seiner imperialistischen oder dekadenten Periode geführt. Wir haben daher beschlossen, den ersten theoretischen Teil unverändert abzudrucken, während wir uns in den folgenden Ausgaben mit der Entwicklung des Kapitalismus seit dem Tod von Marx befassen werden. Natürlich haben wir und unsere GenossInnen der Partito Comunista Internazionalista in den letzten vier Jahrzehnten genügend Anlass gehabt, über diese Entwicklungen zu schreiben, so dass wir nun beabsichtigen, all dies in einer neuen Reihe zusammenzufassen, die auf dem ursprünglichen theoretischen Rahmen von Marx basiert.

Auf dem Weg dorthin werden wir uns auch mit den vielen mehr oder weniger akademischen MarxistInnen auseinandersetzen, die heute die sinkende Profitrate als Schlüssel zur Dynamik des Kapitalismus verkünden und sogar Diagramme erstellen können, die die Unvermeidlichkeit dieser selbstzerstörenden Dynamik aufzeigen. Dennoch haben sie größtenteils keine Vorstellung vom Ausmaß oder der Dringlichkeit der aktuellen Krise, die den Imperialismus heute antreibt und auf die Gefahr eines neuen imperialistischen Weltkrieges hinausläuft. Der Abwärtstrend in ihren Grafiken und Diagrammen kann in der Tat so verstanden werden, dass der Kapitalismus allmählich von selbst verschwindet, ohne dass es einer bewussten revolutionären Bewegung bedarf, um ihn zu überwinden.(3) Ironischerweise war genau diese Denkweise unter den Reformisten der deutschen Sozialdemokratie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, vor dem Ersten Weltkrieg, vorherrschend. Dies verleitete auch Rosa Luxemburg dazu, den tendenziellen Fall der Profitrate als treibende Kraft der Existenzkrise des Kapitalismus in Frage zu stellen. (Ein Prozess, der, wie sie bemerkte, „_bis zum Erlöschen der Sonne_“ dauern könnte.) Damals ging es aus marxistischer Perspektive darum, die entscheidende Rolle der Arbeitswerttheorie gegenüber Theorien über gesättigte Märkte zu bekräftigen, um die kapitalistische Krise zu verstehen. Heute gibt es gefährlichere Illusionen, die es zu bekämpfen gilt, nämlich die Identitätspolitik und den klassenübergreifenden Reformismus des 21. Jahrhunderts (wie er sich zuweilen im Klima-Aktivismus ausdrückt). Diese fördern nicht nur die Illusionen des Reformismus, sondern behindern auch den kollektiven Kampf all jener, deren Leben von der Lohnarbeit abhängt, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Nationalität oder anderen Identitätsaspekten, die der Kapitalismus reproduziert, um uns als Klasse zu spalten.

In der heutigen Zeit des Krieges, des sinkenden Lebensstandards und des zunehmenden Hungers ist diese Einführung in die Marxsche Analyse der ökonomischen Triebkräfte des Kapitalismus und seiner Tendenz zu immer wiederkehrenden Krisen besonders relevant. Sie verweist letztlich auch darauf, dass die Klasse, deren unbezahlte Arbeit die Grundlage allen kapitalistischen Profits ist, die ArbeiterInnenklasse, immer noch der Schlüssel zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus ist. Nie war es wichtiger, diese Botschaft zu begreifen.

==Die ökonomischen Grundlagen des Kapitalismus

Die Grundvoraussetzung aller Gesellschaften ist die Produktion und Reproduktion der materiellen Lebensgrundlagen (Nahrung, Unterkunft, Kleidung) für die Mitglieder der Gesellschaft. Die Anerkennung dieser grundlegenden Tatsache ist das Fundament der materialistischen Geschichtsauffassung. Wie Marx ausführte ist die

"erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz (…) die Voraussetzung, daß die Menschen imstande sein müssen zu leben, um `Geschichte machen´ zu können. Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst.(4)"

In jeder Gesellschaft muss also ein gewisser Anteil der Arbeitszeit für die Produktion von Gütern aufgewendet werden, die die materiellen Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Arbeitskräfte und Werkzeuge/Maschinen und Rohstoffe (Produktionsmittel) sind ein grundlegendes Merkmal aller Gesellschaften. Allerdings:

"Damit überhaupt produziert werde, müssen sie sich verbinden. Die besondre Art und Weise, worin diese Verbindung bewerkstelligt wird, unterscheidet die verschiednen ökonomischen Epochen der Gesellschaftsstruktur.(5)"

Die Art und Weise, wie die Menschen ihre materiellen Grundbedürfnisse befriedigen (d. h. die Produktionsweise), ist somit die grundlegende Bestimmungsgröße für das Wesen der Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt. Der jeweilige Entwicklungsstand der Produktionsmittel (von den einfachsten Werkzeugen bis zu den komplexesten Maschinen) bringt ein entsprechendes Netz von sozialen Beziehungen mit sich. Die Gesamtheit dieser Beziehungen bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die ihrerseits die reale Grundlage aller rechtlichen, politischen und kulturellen Überstrukturen ist. Wenn wir also von einer materialistischen Sicht der Geschichte ausgehen, ist es klar, dass die treibende Kraft der historischen Entwicklung die materielle Entwicklung der Produktivkräfte ist. In allen Gesellschaften entwickeln und erweitern oder verkomplizieren sich die Produktionskräfte, bis diese Entwicklung an einem bestimmten Punkt in Konflikt mit dem Geflecht der gesellschaftlichen Beziehungen gerät, aus dem sie ursprünglich hervorgegangen sind. Die althergebrachten gesellschaftlichen Beziehungen, die einst die Entwicklung der Produktivkräfte begünstigt hatten, erschweren nun immer mehr die Weiterentwicklung dieser Kräfte. Dies setzte die soziale Revolution auf die Tagesordnung, die mit der Ausweitung der materiellen Produktivkräfte einhergeht und die Notwendigkeit mit sich bringt, die sozialen Beziehungen und Überstrukturen der alten Gesellschaft zu überwinden:

"Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. […] Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.(6)"

Die Entwicklung der Produktivkräfte im Feudalismus schuf die Voraussetzungen für den Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise, die schließlich zum Umsturz der feudalen sozialen, politischen und rechtlichen Verhältnisse und zur Übernahme der Staatsmacht durch die Bourgeoisie führte. Nach seiner Etablierung als vorherrschende Produktionsweise war es die historische Aufgabe des Kapitalismus, die Produktivkräfte der Gesellschaft in einem noch nie dagewesenen Ausmaß weltweit zu entwickeln und damit das notwendige Maß an materieller Entwicklung für die Errichtung einer Produktion direkt für die Bedürfnisse der gesamten Menschheit (d. h. den Kommunismus) zu schaffen. In dieser Artikelserie soll gezeigt werden, dass der Kapitalismus zu Beginn dieses Jahrhunderts (ca. 1914) seine historische Aufgabe, die materielle Grundlage für den Kommunismus zu schaffen, erfüllt hatte; dass jede nachfolgende Kapitalakkumulation keine progressive Entwicklung der Produktivkräfte mehr mit sich brachte („_progressiv_“ in dem Sinne, dass sie die Entwicklung der Bedingungen für eine höhere Produktionsweise vorantrieb); dass also jegliches Wachstum der Produktivkräfte, das stattgefunden hat, auf einer dekadenten Basis stattfand - ein Zeichen dafür, dass der Kapitalismus als Produktionsweise im Niedergang ist.

Bevor wir jedoch zur Analyse des dekadenten Kapitalismus übergehen, ist es notwendig, die grundlegenden Merkmale des Kapitalismus und den fundamentalen Drang zu skizzieren, der das Kapital dazu zwingt, die Produktivkräfte zu erweitern und zu entwickeln, während gleichzeitig der Fähigkeit des Kapitals, die Produktivkräfte der Gesellschaft weiterzuentwickeln, bestimmte objektive Grenzen gesetzt werden.

Die kapitalistische Gesellschaft ist also wie jede andere Produktionsweise letztlich ein Prozess, in dem die materiellen Lebensgrundlagen produziert werden, aber die spezifische historische Form, die diese Produktion annimmt, ist durch den Widerspruch zwischen der Profitproduktion des Kapitalisten und der grundlegenden Notwendigkeit, zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der Gesellschaft zu produzieren, gekennzeichnet.

==Die Arbeitswerttheorie

In einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre eigenen Subsistenzmittel produzieren, sind die Produkte ihrer Arbeit Gebrauchs- oder Nutzwerte, die in Form von Gegenständen für den Konsum oder in Form von Gegenständen, die als Teil der Produktionsmittel funktionieren sollen, vorliegen können. In einer primitiven kommunistischen Gesellschaft, in der es keine Arbeitsteilung gibt und die Produzenten ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, besteht die Produktion nur aus Gebrauchswert. Sobald sich das Produktionsniveau über eine Subsistenzwirtschaft hinaus entwickelt und die Menschen beginnen, einen Teil ihrer Produkte zu tauschen (Tauschhandel), erhalten auch diese Güter einen Warencharakter. Waren haben den doppelten Charakter eines Gebrauchsgegenstands (oder Gebrauchswerts) und eines Gegenstands, der gegen andere Waren getauscht werden kann (Tauschwert).

Alle Waren werden durch menschliche Arbeit hergestellt, und jede einzelne Ware kann als die Kristallisation der zu ihrer Herstellung erforderlichen menschlichen Arbeit angesehen werden. Der Wert einer Ware ist die Menge an abstrakter menschlicher Arbeit, die in dieser Ware enthalten ist. Die einzige Möglichkeit, den Umfang der in einer Ware verkörperten Arbeit zu messen, ist die Messung der für ihre Herstellung erforderlichen Arbeitszeit. Somit ist die Arbeitszeit das Maß für den Wert. Doch obwohl die Arbeit die Quelle allen Wertes ist, wird der Wert einer bestimmten Ware nicht durch die Zeit bestimmt, die ein einzelner Arbeiter für ihre Produktion benötigt. (Wäre dies der Fall, dann würde der Wert beispielsweise davon abhängen, wie schnell oder langsam ein einzelner Arbeiter war). Der Wert einer Ware wird durch die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit bestimmt, die notwendig ist, um sie auf einem bestimmten Entwicklungsniveau der Produktivkräfte zu produzieren, und es ist diese Tatsache, die es ermöglicht, Waren unterschiedlicher physischer Qualität zum Zweck des Austauschs miteinander zu vergleichen. (Wenn zum Beispiel ein Weber im Durchschnitt 5 Stunden braucht, um 15 Meter Stoff herzustellen, und ein Tischler im Durchschnitt 5 Stunden, um einen Tisch zu fertigen, dann sind 15 Meter Stoff gleich viel wert wie ein Tisch. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass der Preis jeder Ware gleich ihrem Wert ist, dann ist der Preis eines Tisches derselbe wie der Preis von 15 Metern Stoff). Nur durch den Tauschprozess kann der Wert einer Ware zum Ausdruck gebracht werden, da der Wert einer Ware nur in Form einer anderen Ware ausgedrückt werden kann.

==Die kapitalistische Produktionsweise und das Wertgesetz

Obwohl die Warenproduktion und die damit einhergehende Arbeitsteilung notwendige Voraussetzungen für die Entwicklung des Kapitalismus waren, gab es noch andere historische Bedingungen, die vor der Entstehung des Kapitalismus, d. h. vor der so genannten ursprünglichen Akkumulation von Kapital, gegeben sein mussten.

Zunächst einmal musste der Warentausch durch eine Geldwirtschaft ersetzt werden. Geld als universelle Ware, in der der Tauschwert aller Waren ausgedrückt werden kann, erscheint zunächst als bequemes standardisiertes Maß für den Tauschwert und später als Tauschmittel, das die Ausweitung des Handels erleichtert.

Der allgemeine Charakter des Geldes, der es ihm erlaubt, den Tauschwert aller anderen Waren zu repräsentieren, bedeutet, dass Geld der „_materielle Repräsentant des allgemeinen Reichtums_“ ist.(7) Als solches wurde Geld historisch gesehen zu einem Selbstzweck, als die Warenproduktion und der Handel expandierten. Das merkantilistische System beruhte auf der Möglichkeit, durch den Handel Reichtum in der allgemeinen Form des Geldes anzuhäufen.

Eine weitere Grundvoraussetzung für die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise ist die Existenz „_freier_“ ArbeiterInnen, die selbst keine Produktionsmittel besitzen und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (für einen Lohn zu arbeiten), um zu leben.

"Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware vorfinde, ist die, daß ihr Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existiert, als Ware feilbieten muß.(8)"

Die Existenz der Lohnarbeit bedeutet, dass die Arbeitskraft nun in eine Ware verwandelt wird, deren Tauschwert die durchschnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist, die der Arbeiter benötigt, um seine eigenen materiellen Bedürfnisse zu produzieren. In Geld ausgedrückt, entspricht der Tauschwert der Arbeitskraft dem Lohn des Arbeiters. Mit der Verwandlung der Arbeitskraft in eine Ware wird die Produktion von Mehrwert, d. h. von Wert, der über das hinausgeht, was die ArbeiterInnen für ihren Unterhalt und ihre Reproduktion benötigen, möglich. Nach dem Wertgesetz werden Waren entsprechend ihrem Wert, d. h. der in ihnen verkörperten Arbeitszeit, getauscht. Im Kapitalismus bedeutet die Anwendung des Wertgesetzes, dass die Kapitalisten Gewinne machen, indem sie die von den ArbeiterInnen produzierten Waren zu ihrem Wert verkaufen, während die ArbeiterInnen gleichzeitig den Gegenwert ihrer Arbeitskraft erhalten. Dies ist so, weil der Arbeiter, sobald er gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen, um zu leben, auch gezwungen ist, länger zu arbeiten, als er braucht, um die seinem materiellen Bedarf entsprechende Menge an Wert zu produzieren. Dieser Mehrwert, der durch die Arbeitskraft der ArbeiterInnen geschaffen und von den Eigentümern der Produktionsmittel angeeignet wird, ist die Quelle des Profits des Kapitals.

==Kapitalakkumulation

Nachdem die anfängliche „_ursprüngliche Akkumulation_" des Kapitals stattgefunden hat (historisch gesehen fand die ursprüngliche Akkumulation statt, als Kaufleute einen Teil ihres akkumulierten Reichtums in die produktive Industrie investierten) und der Kapitalismus als Produktionsweise etabliert ist, stellt der Kapitalismus selbst den Mechanismus für seine eigene Expansion bereit.

Marx entwarf ein abstraktes Modell der einfachen Reproduktion in einer geschlossenen Gesellschaft, die ausschließlich aus Kapitalisten und ArbeiterInnen besteht, das diese Tatsache veranschaulicht. Aus der Sicht der Gesamtgesellschaft lässt sich das gesellschaftliche Gesamtprodukt in konstantes Kapital (Rohstoffe, Maschinen usw.) plus variables Kapital (Löhne, die die Kapitalisten an die ArbeiterInnen zahlen) plus Mehrwert aufteilen. Geht man davon aus, dass das gesamte konstante Kapital im Laufe des Kapitalumschlags verbraucht wird, so kann der Wert des gesellschaftlichen Gesamtprodukts wie folgt dargestellt werden:

c + v + m

Unterteilt man dieses gesellschaftliche Gesamtprodukt weiter in zwei große Produktionsabteilungen, Abteilung I mit der Produktion von Produktionsmitteln und Abteilung II mit der Produktion von Konsumtionsmitteln, so lassen sich die ursprünglichen Formeln wie folgt darstellen:

Abteilung I:

c + v + m

Abteilung II:

c + v + m

= gesellschaftliches Gesamtprodukt

Um zu erklären, wie die einfache Reproduktion zustande kommt (d.h. eine Situation, in der die Kapitalisten den gesamten produzierten Mehrwert konsumieren und somit das gesellschaftliche Gesamtprodukt erneut reproduziert, aber nicht vergrößert wird), folgen wir dem Marxschen Schema:

Abteilung I:

4000c + 1000v + 1000m

Abteilung II:

2000c + 500v + 500m

= gesellschaftliches Gesamtprodukt (9000)

Auch wenn diese Tabelle eine Abstraktion ist, die das Verhältnis zwischen den beiden Produktionsabteilungen in Bezug auf den Wert zeigt, darf nicht vergessen werden, dass der Gesamtwert, der von jeder Abteilung produziert wird, in Form von tatsächlichen physischen Gegenständen vorliegt. Betrachtet man das Verhältnis zwischen den beiden Abteilungen, so wird deutlich, dass ein Austausch von Waren zwischen den beiden Abteilungen stattfinden muss, damit der Produktionszyklus von neuem beginnen kann. Das konstante Kapital (4000), das von der Abteilung I produziert wird (in Form von Maschinen, Handwerkzeug usw.), muss nur innerhalb derselben Abteilung umverteilt werden; aber weder können die ArbeiterInnen mit den Produktionsmitteln, die durch 1.000v + 1.000m repräsentiert werden, bezahlt werden, noch können die Kapitalisten diese persönlich konsumieren. Andererseits sind die 2.000 konstanten Kapitalien, die für die Wiederaufnahme des Produktionsprozesses in der Abteilung II notwendig sind, nutzlos, wenn sie in Form von Konsumgütern bleiben, während die 500v und 500m von den ArbeiterInnen und Kapitalisten dieser Abteilung konsumiert werden können. Die 1.000v und 1.000m der Abteilung I müssen gegen die 2.000c der Abteilung II ausgetauscht werden, wenn die Reproduktion reibungslos weitergehen soll. Mit anderen Worten, die Gleichgewichtsbedingungen für eine einfache Reproduktion erfordern:

I(v) + I(m) = II(c)

Diese Darstellung der abstrakten einfachen Reproduktion zeigt, dass die Kapitalakkumulation im Wesentlichen ein sich selbst generierender Prozess ist, und dies gilt auch für die erweiterte Reproduktion, d. h. für die Situation, in der das gesellschaftliche Gesamtprodukt während des Reproduktionszyklus erhöht wird.

In der Realität zwingt die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten sie ständig dazu, ihre Konkurrenten zu unterbieten, indem sie zu einem niedrigeren Preis verkaufen. Um dies zu erreichen, müssen sie ihre Waren billiger produzieren und daher einen Teil des Mehrwerts in Form neuer Maschinen, die die Arbeitsproduktivität erhöhen, in den Produktionsprozess zurückführen. Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der zunehmenden Akkumulation bzw. der erweiterten Reproduktion. Die Erläuterung des ersten Prinzips wird jedoch zeigen, dass die erweiterte Reproduktion im Wesentlichen eine Reproduktion des Verhältnisses zwischen ArbeiterInnen und Kapital bleibt.

Um noch einmal auf die beiden Produktionsabteilungen zurückzukommen: Wenn wir nun zulassen, dass ein Teil des von jeder Abteilung produzierten Überschusses als Kapital in den Produktionsprozess zurückfließt, dann kann der Überschuss jeder Abteilung in A und B unterteilt werden. A stellt den für den persönlichen Verbrauch der Kapitalisten bestimmten Teil und B den in Kapital umzuwandelnden Teil dar.

I(m) = I_A + I_B

II(m) = II_A + II_B

Der Teil B beider Abteilungen kann weiter unterteilt werden in einen Teil, der zur Akkumulation als konstantes Kapital bestimmt ist: I_B(c) + II_B(c) und einen Teil, der als variables Kapital akkumuliert werden soll: I_B(v) und II_B(v). Daraus ergibt sich die Formel für die gesellschaftliche Gesamtproduktion wie folgt:

Abteilung I: I(c) + I(v) + I_A + I_B(c) + I_B(v)

Abteilung II: II(c) + II(v) + II_A + II_B(c) + II_B(v)

Die Reproduktion der ersten drei Aspekte der beiden Abteilungen wurde bereits unter der einfachen Reproduktion behandelt.

Wir befassen uns hier mit dem Teil des Überschusses, der rekapitalisiert werden soll. Aus den gleichen Gründen wie bei der einfachen Reproduktion ist es klar, dass I_B(v) gleich II_B(c) sein muss, wenn eine erweiterte Reproduktion stattfinden soll. Der für die erweiterte Reproduktion notwendige Austausch zwischen den beiden Abteilungen kann durch die Kombination der Formel für den Austausch zwischen den Abteilungen für die einfache Reproduktion mit dieser Gleichung nachgewiesen werden. Daraus folgt:

I(v) + I_A + I_B(v) = II(c) + II_B(c)

Mit anderen Worten: "Das gesamte neue variable Kapital der ersten Abteilung und der dem unproduktiven Konsum unterliegende Teil des Mehrwertes der gleichen Abteilung müssen dem neuen konstanten Kapital der zweiten Abteilung gleich sein.(9)"

Aus diesem Modell der erweiterten Reproduktion geht hervor, dass die Kapitalakkumulation ein sich selbst erweiternder Prozess ist, der ein Wachstum des konstanten Kapitals, ein Wachstum des Konsums der ArbeiterInnen und ein Wachstum des Konsums der Kapitalisten beinhaltet. Das heißt:

"Die Warenproduktion schafft sich ihren eigenen Markt insoweit sie fähig ist, Mehrwert in neues Kapital zu verwandeln.(10)"

Wir werden weiter unten sehen, dass die Selbstexpansion des Kapitals mit der Tendenz zum Fall der Profitrate einhergeht, was wiederum der Fähigkeit des Kapitals, „_Mehrwert in neues Kapital zu verwandeln_“, Grenzen setzt.

==Die organische Zusammensetzung des Kapitals und die Entstehung der durchschnittlichen Profitrate

Wir haben gesehen, wie die Konkurrenz jeden Kapitalisten dazu zwingt, ständig einen Teil des Mehrwerts in Kapital umzuwandeln, und wie die Kapitalakkumulation somit ein sich ständig selbst erweiternder Prozess ist. Da aber das Ziel jedes Kapitalisten die Maximierung des Profits (und damit des produzierten Mehrwerts) ist, wird er aufhören, Mehrwert in Kapital umzuwandeln, wenn eine solche Handlung ab einem bestimmten Punkt weniger Profit einbringt als zuvor, und somit die Kapitalakkumulation aufhören würde.

Doch kehren wir zurück zur Steigerung des Mehrwerts den eine Steigerung der Profite impliziert. Ein solcher Anstieg bedeutet, dass die ArbeiterInnen mehr Mehrwert produzieren müssen und führt somit zu einem Anstieg der Ausbeutungsrate m/v oder der Mehrwertrate. Die Kapitalisten können die Ausbeutung vor allem auf zwei Arten steigern:

1. Durch die Verlängerung des Arbeitstages (absoluter Mehrwert);

2. Durch Verringerung des Tauschwerts der Arbeitskraft - d.h. der Zeit, die der/die ArbeiterIn arbeiten muss, um genug Wert für seinen eigenen Lebensunterhalt zu produzieren (relativer Mehrwert). Dies kann erreicht werden durch a) niedrigere Lebensmittelkosten und b) höhere Produktivität.

Eine Steigerung der Produktivität der Arbeit bedeutet eine Steigerung der Tauschwertmenge, die der Arbeiter in einer bestimmten Zeit produzieren kann. Während sich die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit einerseits in einer Zunahme der Warenmenge ausdrückt, wird andererseits der Wert jeder einzelnen Ware gesenkt. Ein Anstieg der Produktivität der Arbeit, der die Produktion einer zunehmenden Masse von Waren mit sich bringt, impliziert ferner eine Entwicklung der Produktionskräfte - Verbesserungen der Maschinen, Einführung effizienterer Techniken usw., die zu einer Erhöhung des Verhältnisses von konstantem zu variablem Kapital führen. So kann zwar die tatsächliche Zahl der ArbeiterInnen zunehmen, aber nicht in demselben Maße wie die Investitionen in neue Maschinen usw. Die Zunahme des Verhältnisses zwischen konstantem und variablem Kapital bezeichnet Marx als die Zunahme der „_organischen Zusammensetzung_“ des Kapitals (c/v). Der kontinuierliche Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals führt dazu, dass die Profitrate tendenziell sinkt, was wiederum der Akkumulationsfähigkeit des Kapitals objektive Grenzen setzt. Die Profitrate selbst kann als m/(c+v) symbolisiert werden, d.h. sie ist der Mehrwert, der nach Berücksichtigung der Abwertung und des Ersatzes des konstanten Kapitals plus der Löhne der ArbeiterInnen gewonnen wird.

Unsere Analyse vom Standpunkt der Arbeitswerttheorie aus bezieht sich jedoch auf das gesamte gesellschaftliche Kapital, so dass wir uns nur in zweiter Linie mit der Profitrate in einem bestimmten Unternehmen oder sogar Industriezweig beschäftigen. Uns geht es um die Bildung einer durchschnittlichen oder allgemeinen Profitrate, die sich als Ergebnis der Konkurrenz herausbildet, und dieses Gesetz ist für das Verständnis der Kapitalbewegung ebenso wichtig wie das der fallenden Profitrate.

Bei der Behandlung der Warenproduktion in Band I des Kapitals geht Marx davon aus, dass der Preis einer Ware, abgesehen von Schwankungen des Angebots und der Nachfrage, ihrem Wert entspricht, d.h. P = W. In Band III argumentiert er jedoch, dass im Allgemeinen die Preise der Waren umso weniger ihrem Wert entsprechen, je mehr sich das industrielle Kapital entwickelt.

Diese „_Abweichung_“ von P von W scheint die Werttheorie zu untergraben, aber in Wirklichkeit ist sie ihre beste Bestätigung. Obwohl die einzelnen Preise immer in einem gewissen Verhältnis zum Wert stehen, bestand Marx' Leistung in Band III darin, zu zeigen, dass der Wert nur auf der Ebene der kapitalistischen Wirtschaft als Ganzes gleich dem Preis ist, d. h. dass P_gesamt = W_gesamt ist; dass die Abweichung der Preise von den Werten sich gegenseitig ausgleichen.

"Hiernach muß die Summe der Profite aller verschiednen Produktionssphären gleich sein der Summe der Mehrwerte, und die Summe der Produktionspreise des gesellschaftlichen Gesamtprodukts gleich der Summe seiner Werte.(11)"

Es ist klar, dass bei sonst gleichen Bedingungen der Wert einer Ware mit hoher Zusammensetzung niedriger ist als der eines Kapitals mit niedriger Zusammensetzung, da weniger Arbeit in ihr steckt. Ungeachtet dessen zwingt die Konkurrenz jedes Kapital dazu, zu ungefähr gleichen Preisen zu verkaufen; das Kapital mit hoher Zusammensetzung verkauft also über und das mit niedriger Zusammensetzung unter seinem Wert. Der Effekt ist klar: ein ständiger Abfluss von Wert von Kapitalen mit niedriger zu Kapitalen mit hoher Zusammensetzung.

Dieses primitive Beispiel der Angleichung innerhalb einer einzigen Branche ist leicht zu begreifen, aber die Tendenz (die zunächst lokal und dann national ist) setzt sich schließlich auf globaler Ebene durch, und um dies zu veranschaulichen, müssen wir uns den etwas komplexeren Beispielen zuwenden, die Marx in Band III gibt.

Wenn jeder Industriezweig seine Waren zum Warenwert verkaufen würde, hätte dies bestimmte Konsequenzen. Die Branchen mit geringem Kapitalanteil würden hohe Gewinne erzielen, die mit hohem Kapitalanteil niedrige Gewinne. Das Kapital würde jedoch von den erstgenannten Industrien angezogen, was zu einem enormen Anstieg der Produktion und einem überschwemmten Markt führen würde; ebenso könnte die Arbeit ihren Tauschwert in die Höhe treiben und so ein Motiv für ihren Ersatz durch konstantes Kapital liefern. Die anderen Wirtschaftszweige würden in der Zwischenzeit an Kapitalmangel leiden, das Wachstum würde sich verlangsamen, die Produktion würde zurückgehen und die Preise würden steigen. Am Ende dieses Zyklus würde sich die Kapitalflucht eindeutig in die umgekehrte Richtung als zu Beginn vollziehen. Das Ergebnis aller Kapitalbewegungen und Preisschwankungen ist die Bildung einer durchschnittlichen Profitrate und die richtige Verteilung des Mehrwerts in der gesamten Wirtschaft. Für den Kapitalisten äußert sich diese Bewegung in der Tatsache, dass der Markt seine Waren nicht zu ihrem „_Wert_“, sondern zu ihren Produktionskosten (Selbstkosten) zuzüglich der durchschnittlichen Profitrate anbietet. Diese Preise sind in keiner Weise willkürlich und unabhängig von den Wertverhältnissen

"Die Herrschaft des Wertes bezieht sich […] auf den Gesamtabfall oder -anstieg der Produktionspreise und der durchschnittlichen Profitrate als Folge wechselnder Wertrelationen und wechselnder Wertinhalte der Waren im Verlauf sich verändernder Arbeitsproduktivität und struktureller Veränderungen der organischen Zusammensetzung des Gesamtkapitals.(12)"

Dies lässt sich an einem abstrakten Beispiel von fünf Produktionsbereichen mit unterschiedlicher Kapitalzusammensetzung und konstanter Ausbeutungsrate veranschaulichen.

http://www.leftcom.org/files/five-spheres-1.jpg

Die durchschnittliche Zusammensetzung des Kapitals beträgt 78c + 22v und die durchschnittliche Profitrate 22%. Die Preise werden also auf folgende Weise gebildet:

http://www.leftcom.org/files/five-spheres-2.jpg

Dieses Gesetz bedeutet, dass das Kapital am Ende des Zirkulationsprozesses nicht den Teil des von ihm geschaffenen Gesamtwerts zurückerhält.

"Obgleich daher die Kapitalisten der verschiednen Produktionssphären beim Verkauf ihrer Waren die in der Produktion dieser Waren verbrauchten Kapitalwerte zurückziehen, so lösen sie nicht den in ihrer eignen Sphäre bei der Produktion dieser Waren produzierten Mehrwert und daher Profit ein, sondern nur so viel Mehrwert und daher Profit, als vom Gesamtmehrwert oder Gesamtprofit, der vom Gesamtkapital der Gesellschaft in allen Pro-duktionssphären zusammengenommen, in einem gegebenen Zeitabschnitt produziert wird, bei gleicher Verteilung auf jeden aliquoten Teil des Gesamtkapitals fällt. Pro 100 zieht jedes vorgeschoßne Kapital, welches immer seine Zusammensetzung, in jedem Jahr oder andern Zeitabschnitt den Profit, der für diesen Zeitabschnitt auf 100 als 'den sovielsten Teil des Gesamtkapitals kommt.(13)"

Dieser Mechanismus führt also zu einem ständigen Wertfluss zu den technologisch fortschrittlichsten Industrien und beschleunigt den Prozess der Kapitalkonzentration in jedem nationalen Kapital. Aber in seinem Streben nach der Schaffung eines Weltmarktes und einer Globalisierung der kapitalistischen Produktionsweise trägt das Kapital die Ausdehnung, die ständige Ausweitung der Angleichung der Profitrate in sich; es saugt den Wert aus den rückständigen Gebieten aus, deren Entwicklung durch den ungleichen Austausch aufgehalten wird, und entreißt ihnen so den Großteil der Früchte ihrer primären Akkumulation.

In den folgenden Abschnitten werden wir sehen, wie die Tendenz zur Angleichung der Profitraten zusammen mit dem tendenziellen Fall der Profitrate es uns ermöglicht, die wichtigsten Merkmale der kapitalistischen Entwicklung zu verstehen, sowohl in der Periode des Wachstums als auch in der Periode des Niedergangs. Dabei gilt es jedoch immer Folgendes zu berücksichtigen:

"Wollten wir aber verlangen, die Profitrate solle […] bis auf die 100ste Dezimalstelle in jedem Geschäft und im jeden Jahr genau gleich sein, bei Strafe der Degradation zur Fiktion, so würden wir die Natur der Profitrate und die ökonomischen Gesetze überhaupt arg verkennen – sie alle haben keine andere Realität als die Annährung, der Tendenz, im Durchschnitt, aber nicht in der unmittelbaren Wirklichkeit.(14)"

==Der tendenzielle Fall der Profitrate

Die Akkumulation des Kapitals bedingt dann eine Zunahme der organischen Zusammensetzung des Kapitals, was wiederum zu einer tendenziell fallenden Profitrate führt.

"Es ist dies in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie und das wesentlichste, um die schwierigsten Verhältnisse zu verstehn. Es ist vom historischen Standpunkt aus das wichtigste Gesetz. Es ist ein Gesetz, das trotz seiner Einfachheit bisher nie begriffen und noch weniger bewußt ausgesprochen worden ist. […] so zeigt sich, daß die schon vorhandne materielle, schon herausgearbeitete, in der Form von capital fixe existierende Produktivkraft, […] die durch das Kapital selbst in seiner historischen Entwicklung herbeigeführte Entwicklung der Produktivkräfte, auf einem gewissen Punkt angelangt, die Selbstverwertung des Kapitals aufhebt, statt sie zu setzen.(15)"

Zur Veranschaulichung ein Beispiel mit den Zahlen von Henryk Grossman.(16) Bei einer organischen Zusammensetzung von 1:1, mit 30 konstantem und 30 variablem Kapital und einem Ausbeutungsgrad von 100 % beträgt die Profitrate m/(c + v) 50 %.

„_Mit einer organischen Zusammensetzung (5:1) sagen wir 250 konstantes und 50 variables Kapital, und der gleichen Ausbeutungsrate, wird die Profitrate 16.6% betragen. […] sowohl konstantes als auch variables Kapital wird vermehrt. Nicht nur der Umfang der Produktion wird ausgeweitet, sondern auch die Zahl der beschäftigten Arbeiter steigt_.“(17)

Dennoch ist die Profitrate gesunken, und die Zunahme der organischen Zusammensetzung des Kapitals führt dazu, dass ein immer größerer Teil des produzierten Mehrwerts für die Vermehrung des ständig wachsenden konstanten Kapitals verwendet werden muss. Um ein weiteres Beispiel anhand der Zahlen von Grossman zu erläutern,

"…_bei einer Zusammensetzung von 200c - 100v - 100m (Mehrwert) kann das konstante Kapital (unter der Annahme, dass der gesamte Mehrwert zur Akkumulation verwendet wird) um 50% seiner ursprünglichen Größe vermehrt werden. Auf einer höheren Stufe der Kapitalakkumulation, mit einer wesentlich höheren organischen Zusammensetzung, z.B. 14.900c - 100v - 150m, reicht die erhöhte Masse des Mehrwerts, wenn sie als zusätzliches Kapital verwendet wird, nur noch für eine Steigerung von 1%_.(18)"

Aus dieser Analyse geht hervor, dass die Akkumulation durch die Tatsache begrenzt wird, dass auf einer hohen Stufe der Akkumulation ein Punkt erreicht wird, an dem die organische Zusammensetzung des Gesamtkapitals so groß und die Profitrate so klein ist, dass eine Vergrößerung des bestehenden konstanten Kapitals den gesamten produzierten Mehrwert absorbieren würde.(19) Mit dem Näherrücken dieser Krise verringert sich auch der Anteil des Werts, der unter den ArbeiterInnen und Kapitalisten verteilt werden kann, so dass ein verschärfter Kampf um die Aufrechterhaltung des Lohnniveaus durch die ArbeiterInnen unvermeidlich wird - ebenso wie Entlassungen und Arbeitslosigkeit, die daraus resultieren, dass nicht genügend Mehrwert für eine zusätzliche Kapitalakkumulation vorhanden ist und die Produktivkräfte nicht weiterentwickelt werden können. So finden wir im Akkumulationsprozess selbst die Tendenz zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Historisch gesehen hat sich diese Tendenz zum Zusammenbruch in den periodischen Krisen der „_Überproduktion_“ des Kapitals manifestiert; Krisen, die durch die Entwertung des Kapitals, eine größere Kapitalkonzentration und Zentralisierung, die die Absorption kleinerer Kapitale durch größere Unternehmen mit sich bringt, und schließlich eine erneute Akkumulation mit einer höheren organischen Zusammensetzung und einer höheren Ausbeutungsrate überwunden wurden. Die Geschichte des Kapitalismus mit seinen periodischen Krisen, gefolgt von einer erneuten Akkumulation, ändert jedoch nichts am tendenziellen Fall der Profitrate und der langfristigen Tendenz zum Zusammenbruch.

"Wenn es sich bei der Krise nur um einen embryonalen Zusammenbruch handelt, ist der endgültige Zusammenbruch des kapitalistischen Systems nichts anderes als eine voll entwickelte Krise, die durch keine Gegentendenzen gehindert wird.(20)"

In der Realität erzeugt die Tendenz zum Fall der Profitrate verschiedene Gegentendenzen, die den Fall zunächst erfolgreich abwenden können, wobei die wichtigsten sind:

1. Erhöhung der Ausbeutungsrate, entweder durch Senkung des Lebensstandards der ArbeiterInnen oder durch eine Steigerung der Produktivität. Wir haben bereits gesehen, dass das Wachstum der organischen Zusammensetzung des Kapitals selbst einen Anstieg der Produktivität mit sich bringt und somit die Mehrwertrate erhöht wird, was eine Gegentendenz zum Fall der Profitrate darstellen kann.(21) In Krisenzeiten können die Kapitalisten den Mehrwert auch durch eine absolute Erhöhung der Ausbeutung (Lohnsenkungen, längere Arbeitszeiten usw.) erhöhen.

2. Die Senkung der Rohstoffkosten und damit die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals erhöhen die Mehrwertrate proportional. Ebenso senken billigere Lebensmittel unter sonst gleichen Bedingungen den Tauschwert der Arbeitskraft und damit die Produktionskosten für den Kapitalisten.

3. Der Außenhandel. Durch den Verkauf von Waren über ihrem Wert an Kapitale im Ausland, die eine niedrigere organische Zusammensetzung haben, können Kapitale mit einer relativ hohen organischen Zusammensetzung Extraprofite machen und so dazu beitragen, der fallenden Profitrate entgegenzuwirken.

Auch wenn solche Maßnahmen die Tendenz zum Rückgang der Profitrate in bestimmten Zeiträumen erfolgreich ausgleichen können, verschärfen sie das Problem langfristig nur, da die Kapitalakkumulation beschleunigt und die organische Zusammensetzung weiter erhöht wird, so dass die langfristige Tendenz zum Sinken der Profitrate noch stärker ausgeprägt ist. Historisch wurde der allmähliche Rückgang der Profitrate durch die oben beschriebenen Wirtschaftskrisen gelöst, gefolgt von einem neuen Akkumulationszyklus auf der Grundlage eines konzentrierteren und zentralisierteren Kapitals und einer höheren organischen Zusammensetzung als zuvor. Mit jeder Krise wird die zu Beginn des Zyklus festgelegte Profitrate tendenziell niedriger sein als zu Beginn des vorangegangenen Zyklus; die Gegentendenzen zur sinkenden Profitrate werden nach immer kürzeren Zeiträumen unzureichend, und die Krisen selbst treten häufiger und jedes Mal mit größerer Intensität auf. Darüber hinaus gibt es Grenzen für die Fähigkeit der Gegentendenzen, auch für kurze Zeiträume wirksam zu bleiben. So wird die zunehmende Ausbeutung nicht nur dadurch begrenzt, dass die ArbeiterInnen leben müssen und nicht dauerhaft Löhne unterhalb des Existenzminimums erhalten können, sondern auch durch die Kampfbereitschaft der Klasse selbst, da sich der Klassenkampf mit der Verschärfung der Krise intensiviert.

"Wenn die Kraft der Gegentendenzen gestoppt wird, bleibt die Tendenz des kapitalistischen Zusammenbruchs bestehen. Dann haben wir die permanente Krise, oder die Todeskrise des Kapitalismus. Das einzige Mittel, das für den Fortbestand des Kapitalismus übrigbleibt, ist dann die permanente, absolute und allgemeine Verelendung des Proletariats.(22)"

Wir werden im Fortgang dieser Artikelserie sehen, dass "die Kraft der Gegentendenzen gestoppt wird", wenn die Akkumulation den Punkt erreicht hat, an dem das Kapital die vorherrschende Produktionsweise im Weltmaßstab ist, und wenn sich das Wertgesetz als globales Gesetz durchsetzt. (ER, CWO)

==Anmerkungen:

(1) Communist Workers‘ Organisation (CWO) britische Schwesterorganisation der GIK.

(2) Endlich können wir uns öffentlich bei „_Ant Pace_“, einem langjährigen Unterstützer der CWO, bedanken, der es vor vielen Jahren auf sich genommen hat, den gesamten Text des Originalartikels, dessen erster Teil hier veröffentlicht wird, neu abzutippen und die Tabellen zu reproduzieren.

(3) Man könnte auch anmerken, dass die kryptostalinistischen Zwillinge Michael Roberts und Guilgelmo Carchedi anscheinend der Meinung sind, dass „_Sozialismus_“ nur Kapitalismus unter nationalstaatlicher Kontrolle ist.

(4) MEW 3, S. 28

(5) MEW 24, S. 42

(6) MEW 13, S. 9

(7) MEW 42 („_Grundrisse_“), S. 153 Die Edelmetalle sind das am besten geeignete Material für Geld, denn sie sind haltbar, haben eine praktische Größe, eine einheitliche physische Qualität und sind relativ knapp, d. h. sie sind kein Allgemeingut und somit Produktionsobjekte mit einem Tauschwert. Geld ist also selbst eine Ware mit einem Tauschwert, der sich in Bezug auf alle anderen Waren ausdrücken lässt.

(8) MEW 23, S. 183

(9) Bucharin, Der Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals, Verlag für Literatur und Politik, 1926, S. 12

(10) Mattick, Marx und Keynes, 1974, S. 85

(11) MEW 25, S. 182

(12) Mattick, Marx und Keynes, 1974, S. 54 f.

(13) MEW 25, S. 168

(14) MEW 39, Engels an Schmidt, 12. März 1895, S. 431

(15) MEW 42 („_Grundrisse_“), S. 6

(16) Mattick, The Permanent Crisis, in International Council Correspondence (Vol. 1 Nr. 2), November 1934

(17) Ebenda S. 5 (Unsere Übersetzung)

(18) Ebenda S. 7

(19) Eine weitere Veranschaulichung, wie dieser Punkt erreicht wird, findet sich in Grossmans Modell der Kapitalakkumulation.

(20) Mattick, The Permanent Crisis, S. 9

(21) Obwohl Marx bei der Analyse des tendenziellen Rückgangs der Profitrate von einer konstanten Mehrwertrate ausging, ignorierte er nicht die Tatsache, dass eine steigende Mehrwertrate im Gegensatz zu anderen Gegentendenzen ein integraler Bestandteil des Anstiegs der organischen Zusammensetzung ist. Im Gegenteil, Marx argumentiert in Band III des Kapitals (siehe z. B. S. 223 im Kapitel „_Das Gesetz als solches_“), dass die Profitrate trotz eines Anstiegs der Mehrwertrate fallen wird.

(22) Mattick, The Permanent Crisis, S. 14

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